3. Welcher Mittel bedarf
die Kreation eines muïetischen Programms?
Ich habe mir mein Studium finanziert, indem ich Lesungen musikalisch umrahmte.
Das kennen Sie vielleicht: Da sitzen ein oder mehrere Schauspieler oder
Rezitatoren auf der Bühne und tragen sorgfältig selektierte Literatur zu einem
bestimmten Thema vor. Das sind Briefwechsel oder Poesie, vielleicht auch kurze
Prosastücke. Um dem Besucher einer solchen Veranstaltung das Aufnehmen aller
Texte zu erleichtern, gibt es von Zeit zu Zeit einen Happen Musik exerziert.
Diese Momente dürfen auf keinen Fall zu lang dauern, denn sie sollen den
Besucher ja nur etwas erfrischen, um ihn wieder für das Wesentliche der
Veranstaltung aufnahmefähig zu machen. Wie der Salat, der den Gaumen
neutralisiert, damit man nach vollbrachtem Hauptgang wieder Geschmack für die
Nachspeise gewinnt. Das hat mich damals sehr verdrossen und ich war froh, als
ich dieser Art Broterwerbs ledig wurde. Nach meiner Auffassung kam es einer
Mißachtung, ja einem Mißbrauch der Musik gleich. Daß die Zuhörer selbst eher
unruhig und wie gezwungen dieses Muß an Musik über sich ergehen ließen, weil
sie eigentlich gar nicht daran interessiert waren, sondern nur am Text oder am
Vortrag desselben durch ihren Lieblingsschauspieler, konnte ich ihnen nur halb
übel nehmen. Die Bauart einer solchen Veranstaltung macht es beinahe unmöglich,
sich in die Musik fallen zu lassen. Stattdessen ist es weitaus einfacher, die
soeben gehörten Texte in sich nachklingen zu lassen, während von außen noch
etwas anderes klingt. Man kann das ja zur Not auch noch irgendwie wegfiltern.
Der Unmut über diesen Mißbrauch an der Musik wich bald der Überlegung, ob sich
solches nicht auch umkehren ließe. Das heißt, die Musik ist und bleibt
Mittelpunkt, und sämtliche anderen Künste gestalten sich um sie her, um den
Zuhörer für das nächste Werk zu öffnen oder zu „neutralisieren“. Das umzusetzen habe ich dann, seit etwa 2007, versucht. Und erkannte: Es
funktioniert in der Tat!
Zuallererst habe ich eine der klassischen Konzertgebärden beseitigt: Muïetische
Konzerte entfalten sich in einem Stück, ununterbrochen von Zwischenapplausen
nach jedem erklungenen Werk. Das ermöglicht eine Stringenz im
Konzentrationsaufbau und hält den Zuhörer permanent am Geschehen und im Hören.
Diese Stringenz verwirklicht sich zudem durch eine kontinuierliche Flux an
Ereignissen. Ein Werk fließt in das nächste, entweder durch verbindende
Interludien, die improvisiert oder vorher ausnotiert worden waren, oder durch
Worte, die die jeweils nächste Stimmung einläuten helfen sollen. Auch
Darstellung, oder einfache Gesten, als verbindende Elemente sind möglich. Über
allem steht ein Leitgedanke, eine diesen Zusammenhang schaffende Idee, die
wiederum, per se, ein anregendes Moment sein kann. Sie kann aber auch einzig
als dieses verknüpfende Fluidum fungieren, durch welches der Zuhörer von einer
musikalischen Zelle und Welt in die nächste getragen wird. [...]
Einmal bin ich mit der Aussage konfrontiert worden: „Neuer
Begriff für anscheinend alte, d.h. schon länger andauernde Versuche
synästhetischer Erfahrungen.“
Diese Kritik hat mich von Grund auf mißverstanden und geht am Kern von Muïesis
vorbei. Es geht mir nicht um Synästhesie. In der Regel ist die Kulisse
muïetischer Programme eher einfach gehalten. Die Texte, das kann mitunter ein
einziges Wort sein, werden eingespielt, übermitteln sich also akustisch, so es
ein Bild gibt, steht dies zwar sichtbar auf der Bühne, wird aber niemandem
aufgezwungen. Wer die Augen schließen mag, dem entgeht doch nichts vom
Wesentlichen des jeweiligen Programms.
Dennoch zählt jedes Detail, denn der Zuhörer nimmt von den vermeintlich
unbedeutenden Nebensächlichkeiten im Bühnengeschehen mehr wahr als wir meinen!
Die Psychoakustik lehrt uns, daß wir Musik tiefer empfinden und nachhaltiger
für uns gewinnen, wenn wir sie unter starken Gefühlen erlebt haben. Wie viele
Liebende gibt es, die einen speziellen Song annektiert haben? Dies weil sie
während des ersten Stelldicheins oder während der ersten intimen Momente das
entsprechende Musikstück im Restaurant oder Radio gehört hatten. Das hat sich
eingeprägt und fungierte fortan als „unser Lied“. Oftmals können die Erwähnten
das Lied zu weiten Strecken schon auswendig, erinnern das Material also sehr
gut. Die Hirnforschung hat bewiesen, daß der Mensch leichter lernt, wo er
diesen Lernprozeß mit Emotionen verbindet. Vorzugsweise positiven.
Wenn der Konzertbesucher sich wohl fühlt, hört er ergo nicht nur bewußter zu,
sondern nimmt auch mehr davon mit nach Hause. [...]
Solche relevanten Details beziehen auch die Kleidung des auftretenden
Interpreten mit ein. Sie haben bereits die erste Szene meines aktuellen
Programms THE RIGHTEOUS FATALE, welches ich Ihnen später in noch weiteren
Auszügen vorstellen werde, erlebt.
Was geschah? Sie hörten mein Stück „Ritus“ für fünf Pauken in der Fassung für
soundfile und gewahrten irgendwann eine Figur. In weiß, verschleiert. Sie
wissen aus dem Programmheft (so Sie Teil einer Konzertaufführung wären), daß
THE RIGHTEOUS FATALE Klytaimestra zur Protagonistin hat. Wissen auch um deren
tragische Geschichte: Ihre einst aufgezwungene Vermählung mit Agamemnon, der
dann späterhin die älteste gemeinsame Tochter Iphigeneia behufs guter Winde für
die Überfahrt nach Troja opfert. Sie erinnern sich, daß Klytaimestra zur
Schlächterin ihres Gatten wurde, um wenig später von ihres eigenen Sohnes Hand
gemordet zu werden. All das ist Ihnen gegenwärtig, sobald das Konzert mit
dieser Szene beginnt.
Nun kann dieser Rhythmus in Kombination mit der auftretenden Präsenz alles
bedeuten: Das ist entweder der Gang zum Altar oder zum Opferstock. Das ist die
zur Heirat gezwungene Klytaimestra, oder Iphigeneia, die zum Opferstein gerufen
wird, nicht ahnend, daß sie ihrem Tod entgegen schreitet. Oder ist dies die
spätere Priesterin auf Tauris und auf dem Weg zu ihrer Weihe? Und wenn es sich
nur um den festlichen Aufzug des Chores, beginnend mit seiner Führerin
handelt... Fakt ist, man weiß noch nicht, was passieren wird und ist
dementsprechend neugierig auf das Folgende. Der perfekte Nährboden für das
erste akustische Werk.
Was ich mit diesem Beispiel vermitteln möchte, ist, welch große Bedeutung die
Kleidung haben kann. Jeder Theaterbesucher weiß das. Später im Programm werde
ich mit weiteren Requisiten die Kraft dieser Garderobe noch erhöhen.
Man begegnet mir ferner öfter mit dem Begriff „Gesamtkunstwerk“ als
Etikett für muïetische Konzerte. Nun trifft dies leider noch nicht
den Kern der Sache, denn es stellt nur die Oberfläche dar, also wie sich
Muïesis vermittelt. Daß die verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen zu
einem neuen Ganzen zusammenspielen und jedes Detail zählt, ist nur die eine
Seite und vielmehr künstlerisches Mittel denn Zweck. Dieser bleibt die
Bereitstellung von Zusammenhängen. Musik, die einst einen Zusammenhang
besessen, ist aus diesem gerissen worden, sobald sie wahllos neben weitere
Werke verschiedener Zeiten und Stile platziert wird. Folglich wird ein bewußtes
und umfassendes Wahrnehmen derselben erschwert. Ein gutes Beispiel wäre die
konzertante Aufführung von Meßkompositionen. Ursprünglich waren diese Werke ja
ganz eindeutig im klerikalen Rahmen passiert, während des Gottesdienstes.
Irgendwann haben sie sich verselbständigt. Man nimmt jetzt noch den Ablauf des
römisch-katholischen Meßzyklus wahr, aber die eigentliche Essenz ist diesen
Werken doch abhanden gekommen. Vor allem, wenn in modernen Konzertstätten
aufgeführt. Ein gutes Stück Flair ist verloren gegangen, welches vielleicht
hülfe, die Musik dem Menschen näher zu bringen. [...] Eine sehr umfangreiche und
scharfsinnige Analyse dieses Prozesses und seiner Auswirkungen findet sich
übrigens bei Dr. Peter Kivy, in seinem Buch „Authenticities – Philosophical
Reflections on Musical Performanc“.
Als Gegenbeispiel
und Beweis dafür, daß die Schaffung neuer Kontexte für klassische Musik durchaus
Sinn ergeben kann denke man nur an Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig“.
Niemals nachher hat man Mahlers Adagietto tiefer gehört als durch diese
Vermittlung. Es würde mich nicht wundernehmen, sollte mancher Kinogänger
hernach zum Klassikfan sich entwickelt haben. Und vergessen Sie nicht Yann
Tiersen. Rannten nicht nach dem großen Kinoerfolg von „Die fabelhafte Welt der
Amèlie“ scharenweise selbsternannte Nachwuchstalente die Musikschulen nieder,
um Klavierunterricht zu erhalten, von der Leidenschaft getrieben, das Stückchen
„Comptine d’un autre été“ erlernen zu können? Ich würde behaupten, daß jeder es
kennt. Was für ein Potential! Wenn man nur den richtigen Schlüssel findet,
stößt der Empfänger die Tür zu nachhaltiger Musikliebe selbst auf. Denken Sie
sich einen Film, der die Menschen mit gleicher Wucht mitreißt wie jene
„fabelhafte Welt“ und dahinein ein Werk aus der verfemten Klassik. Sie wird
diesen Nimbus verlieren, das Werk wird gefragt und in Erinnerung bleiben. Davon
bin ich überzeugt. Und nun überlegen Sie ferner, was diesen Film so besonders
machte? War es nicht u.a. die Liebe zum Detail und das Zelebrieren des
Einfachen, welches so nachhaltigen Eindruck hinterließ? Plötzlich liefen die
Menschen wieder mit offeneren Augen durch die Welt. Sahen sich um und auch die
kleinen Dinge des Lebens in neuem Licht. Irgendetwas hatte ihre tiefsten
Empfindungen gereizt. [...]
Ein muïetisches Konzert vermag das auch, so wage
ich zu behaupten, und legt den Schwerpunkt dabei auf die Musik anstatt aufs
Visuelle. Daher mag es etwas schwieriger sein und nicht ganz so populär, das
Potential ist jedoch dasselbe. [...]
Die Macht der Musik ist ungebrochen. Wir müssen sie nur richtig zu vermitteln
wissen, ihr die Wege etwas ebnen.