Wednesday, 28 May 2014

Musikstudenten beurteilen eine muïetische Aufführung: Patrick Koch

THE RIGHTEOUS FATALE von Heloise Ph. Palmer
Gedanken zu der Aufführung am 5. Mai 2014 von Patrick Koch

„Das Konzert am 5. Mai der Pianistin Heloise Ph. Palmer in Stuttgart war ein besonderes und ungewöhnliches Erlebnis für mich. Noch nie habe ich selbst ein Konzert besucht, das unter einem muietischen Leitgedanken konzipiert war. Doch was ist „Muiesis“? Der Begriff „Muiesis“ wurde und wird von der Pianistin Heloise Ph. Palmer geprägt. „Muiesis“ soll eine alternative Konzertpraxis und -erfahrung sein, die Musiker und Zuhörer gleichermaßen mehr in die Wahrnehmung der Musik einbindet. Dazu werden außermusikalische Elemente wie Texte, Licht und andere [...] Effekte zu Hilfe genommen, die die Wahrnehmung der Musik, die unter einem übergeordneten Leitgedanken steht, unterstützen und ergänzen. Inhalt und Bedeutung der Musik sollen so anders und bewusster aufgenommen, in einem besonderen Kontext aufgefasst und unmittelbar reflektiert werden. Die besondere Struktur des Konzertes soll so die Intentionen eines Stückes besser greifbar machen. [...] Jeder sollte einmal ein solches Konzert besucht haben, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, denn dieser ist wirklich komplett verschieden von einem „normalen“ Konzert. Die Stücke, die man sonst durchaus auch in anderen, nicht muietischen Konzerten hören kann, erscheinen hier in einem ganz neuen Licht und werden völlig neu aufgefasst. Man sollte versuchen dieses Gesamtkonzept, bzw. Gesamtkunstwerk, vom Klavier auf andere Instrumente zu übertragen.“
 
Der vollständige Artikel lautet wie folgt:


Thursday, 15 May 2014

Interview mit Heloise Ph. Palmer: Muïesis - Aufführungspraxis heute; von Lukas Weerth

Am 5. Mai 2014 fand für die Studenten der Hörerziehungsklassen an der Musikhochschule in Stuttgart eine Aufführung des muïetischen Bühnenprogramms THE RIGHTEOUS FATALE statt. Im Anschluß daran traf sich Lukas Weerth, der diese Aufführung erlebt und sich etwas intensiver mit dem Thema Muïesis auseinandergesetzt hatte, mit Heloise Ph. Palmer für ein Interview:

Muïesis – Aufführungspraxis heute

Lukas Weerth:
Sie touren nicht wie viele andere Musiker mit einem einzigen Programm pro Saison, sondern stellen verschiedene Programme, und innerhalb sehr kurzer Zeitrahmen, vor. Das setzt ein breites Repertoire voraus. Wie kommt es zu diesem, welche Kriterien sind für die Zusammenstellung Ihrer Programme ausschlaggebend?

Heloise Ph. Palmer:
Für die Kreation eines neuen Programms ist mir wichtig, daß ich für Ausgewogenheit in den musikalischen Stilen und Tonsprachen sorge. Nicht nur ermöglicht dies eine länger lebendige und achtsame Wahrnehmung vonseiten des Publikums, es ermöglicht auch mir selbst eine größere Wachheit – es ist einer Reise vergleichbar, die verschiedene Länder miteinander kombiniert. Man gewinnt Überblick über die Reichtümer der Welt und eine gewisse Weitsicht, die bei der exklusiven Vertiefung in eine Einzelheit ausbliebe. Mehr noch, dem Zuhörer, der sich nicht jeden Tag intensiv mit einer neuen musikalischen Strömung beschäftigen kann, wird dadurch auch die Gelegenheit geboten, sich Bezüge untereinander, Ähnlichkeiten zwischen zunächst verschieden anmutenden Stilen und Entwicklungen über die Zeiten hinweg zu erschließen. Ich lege außerdem großen Wert auf Aktualität. Nur von der Tradition gemästete Kompositionen und Stile vorzutragen, ohne auch zu zeigen, welche Entwicklungen diese anstießen – indem ich zeitgenössische Klänge präsentiere – mutet mich sehr rückschrittlich an. Und ist auch kulturgeschichtlich völlig paradox.

Was die Themen meiner Bühnenprogramme angeht, so wähle ich danach aus, was mir persönlich am wertvollsten oder notwendigsten erscheint, daß es kommuniziert werde. Ich nehme meine Umwelt sehr bewußt und achtsam war und führe eine eher kontemplative Lebensweise, die mir Reflexion und eine fundierte Auseinanderse-tzung mit mir wichtig erscheinenden Themen oder Fragestellungen ermöglicht. Diese kann ich dann in meinen Programmen verarbeiten, um wiederum meine Zuhörer zum Nachdenken anzuregen.
Dieser Ansatz opponiert gegen den von mir vielfach empfundenen Ausschluß klassischer Musikerlebnisse aus der Atmosphäre einer tiefgehenden und das eigene Sein verändernden Erfahrung, wie wir sie z.B. ohne zu zögern mit einem Theaterbesuch verbinden würden.

LW: Konzertveranstalter versuchen, vor allem auch moderne oder aktuelle Klänge oder Ästhetik dem Publikum leichter zugänglich zu machen, indem sie in das abendliche Programm Einführungen vortragen. Kann Muïesis als eine Symbiose von Einführung und Konzert angesehen werden? ODER: Macht Muïesis eine Einführung in das Konzert vielmehr überflüssig?

HPP:
Meiner Ansicht nach sind solcherlei Einführungen eher hinderlich. Mit theoretischen oder biographischen Einzelheiten und Erläuterungen soll der Zugang zu den entsprechenden Werken erleichtert werden – dabei bleibt das Musikwahrnehmen doch immer nur durch Hören derselben möglich. Was zieht also ein solches Gerüst - noch dazu in fremder Kommunikationsform, dem Wort, präsentiert - anderes nach sich, als daß sich die schließlich empfangene Musik durch das zuvor „Geimpfte“ adäquat einpasse? Sie wird in das Korsett gepresst, das ein Mensch exklusiv für sie vorgefertigt hat. Aber von welchem Maß an Objektivität vermögen mir noch zu sprechen, wenn ein einzelner für viele und aberviele entscheidet? Denn, versuchen Sie es bitte, man wird als Empfänger der sich anschließenden Klänge stets versucht sein, nur das zuvor Erklärte wiedererkennen zu wollen, befindet sich also in völliger Abhängigkeit zu dem Erläuterten respektive zu dem, welcher dieselben aufgesetzt hat. (Denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten!) Sollten mir diese Hinweise beim Hören schließlich doch entgehen, weil ich entweder den Einführungen nicht ganz folgen konnte, oder aber für einen kurzen Moment unaufmerksam war – oder, was hier vielleicht angemessener „überaufmerksam“ heißen sollte, stets gebannt, nichts zu verpassen – kurz, wenn mir etwas nicht einleuchtet wie es zuvor gepredigt worden war, steigt doch nichts anderes in mir auf als das Gefühl größter Unzulänglichkeit.

Wie lange, meinen Sie, werde ich mir die Freude an klassischen Musikerlebnissen, damit verbunden den Wunsch nach reger Wiederholung, unter solchen Bedingungen bewahren können?

Muïesis schreibt nichts vor. In muïetischen Programmen werden die Werke präsentiert wie sie sind. Der Rahmen, in dem sie sich entfalten, ist ein anderer: Durch übergeordnete Themenschwerpunkte, mit denen jeder Konzertbesucher etwas anzufangen weiß, weil sie lebensnah sind und ihn auf emotionaler Ebene berühren, werden die ausgewählten Musikwerke noch immer direkt zugänglich gemacht, nicht indirekt in der Weise, daß allerhand Wissenswertes über sie erklärt und eingetrichtert wird. Muïesis ermöglicht einen unmittelbaren Zugang und macht somit jede Einführung redundant.

LW: Sie sprechen davon, dem Hörer / der Hörerin über Muïesis gleichsam „die Hand reichen“ zu können. Sehen Sie in Muïesis auch eine Art pädagogischen Auftrag?

HPP:
Nein, das ist gerade nicht, was zu erreichen ich beabsichtige. Ich möchte den Zuhörern, die sich trauen klassischen Konzerten beizuwohnen, eine intensivere Wahrnehmung ermöglichen. Intensiver, weil sie in verschiedener Weise stimuliert werden, geistig, emotional, vielleicht spirituell. Intensiver auch, weil sie das unmittelbare Musikerlebnis geboten bekommen, auch wenn sie über keinerlei Hintergrundwissen das erklingende Werk betreffend verfügen. Ich versuche mit Muïesis, den Menschen ein Erleben zu schenken, das sich nicht bereits auf dem Nachhauseweg vom Konzertsaal verliert, sondern das ihnen vielmehr Bereicherung für die nächsten Tage oder gar länger beschert. Wenn mir das gelingt, werden sie in zwingender Folge die Musik wieder hören wollen, sich also bemühen, die entsprechenden Kompositionen in ihr Leben zu integrieren und auch neue kennenzulernen. Und sei es nur eine kürzer weilende Bereicherung, die der Besucher eines muïetischen Konzertes erfuhr, aber auf emotionaler Ebene – also nicht ein flüchtiger Affekt wie Entzücken oder Staunen – sein Bewußtsein wäre schon erweitert worden.
Jede Form der Belehrung liegt mir fern. Besonders auf der Bühne, dem meiner Auffassung nach letzten Ort, an dem belehrt werden sollte. Auch das Theater belehrt uns ja nicht im eigentlichen Sinne, sondern stimuliert vielmehr das eigene Denken und Hinterfragen. Was Muïesis an pädagogischen Qualitäten innewohnt, könnte man vielleicht am ehesten als „Möglichkeit“ oder „Entgegenkommen“ beschreiben. Ich biete etwas an, diktiere niemals! Dies, um gewissen traurigen Entwicklungen in der Rezeption klassischer Musik entgegenzuwirken.

LW: Sie stellen fest, dass sich die Entwicklung der Konzertpraktiken seit der prägenden Klassik weniger groß verändert hat als zuvor. Kann man Muïesis als Fortsetzung der Weiterentwicklung sehen, bzw. welchen Stellenwert kann Muïesis in der Zukunft erreichen?

HPP:
Ich möchte nicht von einer Weiterentwicklung sprechen. Ich habe mich sowohl als ausübende Musikerin als auch als Konzertbesucherin gewissen Dissonanzen ausgesetzt gefühlt, die mich dazu brachten, die bestehende Aufführungspraxis zu hinterfragen. Muïesis ist meine Antwort und ein Vorschlag zur Überwindung einiger Hindernisse. Ich behaupte mitnichten, daß es den einzigen Ausweg darstellt, weshalb ich auch nicht gern verabsolutierte. Ihre Frage kann ich daher nur zum Teil beantworten. Spekulieren über den Erfolg von Muïesis und wie ein solcher aussehen sollte, lehne ich ab. Es wäre schön, ließen sich einige Musikmachende anregen, eigene Versuche zu wagen, mit diesen Mißständen umzugehen – auch deshalb habe ich an der Musikhochschule konzertiert, bzw. stehe Ihnen heute Antwort, als dem Ort, an dem die nächste Generation Musiker nachwächst. Die Gegenwart bezeugt allerdings ein wachsendes Interesse seitens der Besucher muïetischer Bühnenpro-gramme an neuen Wegen und Modi in punkto Aufführung.

LW: Die Themen Ihrer Konzertreihe “Gespinstegarten” obliegen einer umfassend intellektuellen, höchst kreativen und außermusikalischen Kontextualisierung. Nun, da Sie in der Musikhochschule Stuttgart konzertieren, reizen Sie sicherlich einige Studenten, sich von Muïesis als Konzertgestaltung inspirieren zu lassen. Was braucht ein junger Musiker für seine eigene muïetische Programmkreation?

HPP:
Zuallererst Leidenschaft für die Musik. Und damit meine ich authentische Leidenschaft! - Weiterhin bedarf es eines über exhibitionistisches Virtuosentum und Selbstdarstellung hinaus reichenden Respekts gegenüber dieser Kunst. Wo es mir einzig darum geht, meine technischen Fertigkeiten präsentieren zu können und mich dadurch als Wunder oder „teuflisch“ auszuzeichnen, werde ich beim Empfänger auch stets nur Entzücken und Erstaunen auslösen, niemals aber unersetzlich für sein Leben werden. Wo ein Mensch durch Musik im Innern berührt wird, wird er ohne diese nicht mehr auskommen wollen. Das geht freilich über die eigene Person hinaus: Hier geht es wieder um die Musik und nicht länger um den Ausführenden.
Ein Musikstudent sollte vom Wunsch getrieben sein, alles wissen zu wollen, was es über das Werk, welches er sich erarbeitet, welchem er sich annähert, zu wissen gibt. Einschließlich der Hintergrundinformationen über dessen Entstehungszeitpunkt, in geschichtlicher, politischer wie kultureller Hinsicht.
Auch, und damit setze ich meinen zweiten Punkt fort, sollte ein Musikstudent das Hören wiedererlernen. Das Wahrnehmen, als wäre es immer das erste Mal, auch wenn man das Werk in- und auswendig kennt. Wiedergabe des zuvor hundertfach Geprobten bleibt Reproduktion
. Ein Musizieren, das sich über das Hören etabliert, wird zur Kreation. Und dieses Hören endet übrigens keineswegs mit dem Verlassen des Instruments, sondern beginnt vielmehr erst: Es beinhaltet ein Hören dessen, was um mich geschieht. Ein Wahrnehmen der Themen, die relevant genug sind, daß man sie kommuniziere. Wieder und wieder. Immerhin ist auch der Musiker eine in der Öffentlichkeit wirkende Person, hat als solche ein nicht geringes Maß an Verantwor-tung inne. Er darf sich also durchaus über Themen mitteilen oder Fragestellungen anstoßen, die über das rein Musikalische eines Werkes hinausreichen.

Neben der Musik darf man jedoch auch die anderen Künste nicht vergessen. Sie haben es immer wieder geschafft, Musikschaffende zu beeinflussen, zu inspirieren. Und vice versa galt die Musik der Sprache, der visuellen Kunst, dem Tanz etc. als bereichernde Kraft. Man sollte sich also auch in diesen Künsten auf dem Laufenden halten und nachvollziehen können, was sich warum wie entwickelt (hat).

Zu guter Letzt darf natürlich Phantasie nicht fehlen, die wird ohnehin angeregt werden, sobald man beginnt, sich die Welt hörend zu erschließen und achtsam-behutsam wahrzunehmen. Paaren sollte sie sich mit der Bereitschaft Neues zu wagen, selbst wenn es zunächst nur Antagonisten und Opposition als Antwort gibt, und: selbst wenn dies auf den eigenen Hauptfachlehrer zutrifft. Der weiß übrigens auch nicht alles. Und kann sich leider gerade in künstlerischen, eigenständig schöpferischen Fragen sehr häufig als Bremse oder unüberwindliche Wand entpuppen. Dem muß man sich gewachsen zeigen und es als erste Bewährungsprobe sehen, vor der man die eigenen Ideen behaupten und beweisen muß. Man kann ohnehin nur durch Probieren lernen.

LW: In Bezug auf Ihren unübersehbaren Untertitel „in statu nascendi“. Was möchten Sie damit ausdrücken?

HPP:
in statu nascendi
ist für mich von zweierlei Bedeutung. Zunächst entsteht Musik als Zeitkunst stets neu, anders als Skulpturen und Bilder, anders als Wort – der musikalische Aspekt einer Rezitation stellt eine geringfügige Ausnahme, oder eine Zwischenform dar. Da sich Musik also jeden Augenblick neu gebiert und ich als Musiker mich mit ihr – denn nicht nur helfe ich gebären, ich definiere mich ja nur durch dieses – bin ich für diesen Augenblick verantwortlich, beide Seiten naszieren unaufhörlich. Ich identifiziere mich sehr stark mit dieser Wesensart der Musik.

So stark, daß ich mich zweitens nicht gern etikettieren und auf eine Tätigkeit meines Lebens beschränken lasse. Es stört mich persönlich sehr, daß man sich heutigentags über seine Titel oder Berufsbezeichnungen definieren und präsentieren muß. Da zählt nicht mehr die Person, sondern die Arbeitsstelle sagt wer ich bin. Wo es eine solche nicht gibt, werden stolz welche erfunden: „Ich bin Hausfrau und Mutter!“ Das sind keine Berufe und es wäre tragisch, sollten sie jemals zu welchen werden. Das sind Leidenschaften und Lebenswege, die man wählte. Weder besser noch schlechter als der Lebensweg des Karrieresuchenden. Derlei Aussagen zeigen aber deutlich, daß man sich in der Verlegenheit fühlt, mit Etiketten auftrumpfen zu müssen, um den anderen, Berufstätigen, nicht nachzustehen. Ich finde solche Entwicklung äußerst bedenklich und steige bewußt aus, indem ich keinen Beruf auf meine Visitenkarten setze, seien dies meine homepage oder meine Programmhefte.

Mai 9 2014; © Lukas Weerth

Wednesday, 14 May 2014

Musikstudenten sprechen über Muïesis - Gedanken zu ausgewählten Werken im Programm

Am 5. Mai 2014 fand für die Studenten der Hörerziehungsklassen an der Musikhochschule Stuttgart eine Aufführung des muïetischen Konzertprogramms THE RIGHTEOUS FATALE statt. Sie waren anschließend gebeten worden, ihre Eindrücke zu verschriftlichen. Nachfolgend eine Auswahl dieser:

Explizit zu erklingenden Werken:

Heloise Ph. Palmers Orestes Stasimo
„Innerhalb des Stückes vollzieht sich wiederum eine Klimax. Diese wird zunächst dadurch erreicht, dass die Lage des Motivs immer weiter hinaufsteigt. Weiterhin aber auch dadurch, dass das Motiv nicht nur stets leicht modifiziert wird und sich die Zahl der chromatischen Durchgänge erhöht. Auffällig auch die „Störmanöver“. Diese werden mittels eingespielter Sprachfetzen (hauptsächlich Konsonanzen) und von der Pianistin gespielter Akkorde vorgenommen. Diese eingeworfenen Akkorde entfalten ihre störende Wirkung vornehmlich dadurch, dass sie bisweilen im staccato gespielt sind, stets aber für unser tonal geübtes Gehör unharmonisch erscheinen. Ganz anders die Einwürfe der türkischen Zimbel. Durch den flächigen Klang, durch die ausgeprägte, für eine Glocke charakteristische sustain-Phase, erzielt sie beim Hörer viel eher eine „beruhigende“ Wirkung. Resonanzen, die am Klavier erzeugt wurden, nämlich Spektral-, Lokal- und Gesamtresonanz, werden nachträglich durch die live-Elektronik „entwickelt“. Durch das nachträgliche, erneute Anschwellen des Tones erlebt die ohnehin schon klagende Wirkung zusätzlichen Nachdruck.“ (N. Pfeffer, Gitarre)

Heloise Ph. Palmers a netherworld incitement
„Es schließen sich Hintergrundgeräusche aus „abyss“ an, die Künstlerin verschwindet. [...] Beim Ausklang hören wir den Erzähler. Er bezieht die Tragödie von der gerechtfertigten Selbstjustiz des ohnehin vorhandenen Missbrauchs und der Vergeltung von Ungerechtigkeit explizit auf heute. Wir hören Windgeräusche, die Bühne wird schwarz. [...] Die Schmerzenslaute reißen ab und das Bühnenlicht geht an. Wir sehen Klytaimestra verhüllt und es folgen abwechselnd griechische und englische Texte. Besonders die englischen Texte sind stark verzerrt, die Stimmlage ist sehr tief und extrem laut. Gleichzeitig schreit die Künstlerin die Passagen. Wir spüren, daß sie nun zerfressen vor Hass und Rache ist und beginnt, die göttlichen Furien anzurufen. Klytaimestra enthüllt sich nun und zeigt sich mit roten Stoffen, die nochmals die Rachsucht verdeutlichen. Es herrschen laute elektronische Klänge, die nur durch die ausgeschrieenen Flüche übertönt werden. In diesem Teil wird die Künstlerin schauspielerisch sehr gefordert, sie muß die ermordete Mutter spielen, die rasend vor Wut boshafteste Drohungen ruft. Die Schlussszene dieses wichtigen Aktes bildet die Dolchstoßposition der Protagonistin.“ (R. Gläser, Schlagzeug)

Musikstudenten sprechen über Muïesis - Eindrücke zu THE RIGHTEOUS FATALE

Am 5. Mai 2014 fand für die Studenten der Hörerziehungsklassen an der Musikhochschule Stuttgart eine Aufführung des muïetischen Konzertprogramms THE RIGHTEOUS FATALE statt. Sie waren anschließend gebeten worden, ihre Eindrücke zu verschriftlichen. Nachfolgend eine Auswahl dieser:

THE RIGHTEOUS FATALE - eine muïetische Parabel von Heloise Ph. Palmer:

„The Righteous Fatale – wie man dem Namen des Konzerts vielleicht schon entnehmen kann, konnte man sich auf ein außergewöhnliches Klangerlebnis einstellen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gehört. Es war eine andere, ungewöhnliche Art von Konzert. Es war sehr interessant zu sehen, wie klassische Musik und dazu gespielte elektronische Klänge miteinander harmonieren. Es war die ganze Zeit nur eine einzige Person auf der Bühne. Natürlich gab es die Technik im Hintergrund, aber ich fand es sehr bewundernswert zu sehen, was für ein klangliches Spektakel eine einzelne Person, mithilfe von elektronischen Mitteln, auf der Bühne veranstalten kann. Unter anderem die schauspielerischen Passagen und der rote Faden durch das Konzert, mit den verschiedenen Stationen, sowohl szenisch als auch musikalisch, haben mich sehr beeindruckt und gefesselt. So auch die Verbindung zwischen der dramatischen Lebensgeschichte der Klytaimestra und den musikalischen und szenischen Stücken, die ich [als] sehr faszinierend empfand.“ (K. Krimmel, Gesang)

„Ich habe das Konzept als eine ganzheitliche und in sich geschlossene Darstellung unterschiedlichster Musikstücke wahrgenommen, die auf einer höheren Ebene miteinander verbunden waren. Die dafür gewählte Handlungsebene der mythologischen Erzählungen um Klytaimestra und ihr Leben wurde anhand von szenischer Darstellung, elektroakustischen und visuellen Reizen, sowie Klavierstücken dargestellt. Die Rolle der Pianistin wurde so erweitert und vervollkommnet durch ihre Funktionen als Regisseurin, Sprecherin, Darstellerin Komponistin und ganzheitliche Interpretin. Dieses Konzept ermöglichte es dem Zuhörer, die vorgestellten Musikstücke in einen sinnbildlichen Zusammenhang zu bringen und hat das aktive Zuhören und Empfinden der Musik stark angeregt. Dadurch, dass die Musikstücke alle nicht nur durch den Notentext, sondern auch durch den Kontext ihrer Aufführung der eben erwähnten Handlungsebene interpretiert wurden, konnte ein unmittelbares Empfinden für die Spannungen und die Interpretation im Rahmen der muietischen Aufführungspraxis schon während des Konzertes stattfinden. Dem Zuhörer erschlossen sich Zusammenhänge und Verbindungen in der Musik, die ihm sonst entgangen wären. Aber auch die Beziehung der Musikstücke zueinander sowie das Konzept des Abends, der sich als Gesamtkunstwerk fortschreitend entfaltete, wurde dem Zuhörer erkenntlich. Dies wurde auch durch den nicht gewünschten Applaus zwischen den Stücken unterstützt, da dies ermöglichte, dass die Verbindung und der Zusammenhang der Stücke und der Darstellung keineswegs unterbrochen oder beeinflusst wurde." (S. Rehberg, Gesang)

„Muïesis ist eine Art der Aufführungspraxis von heute, die Heloise Ph. Palmer in ihrem Konzert „The Righteous Fatale“ sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Mit ihrem bunt gemixten Programm, basierend auf der griechischen Tragödie der Klytaimestra, griff sie auf einen Reichtum von extramusikalischen Mitteln zurück. Bestandteile waren Farben, Licht, elektronische Musik, eine Art von Textprojektion und der Einsatz von theatralischen Mitteln. Gleich zu Beginn setzte das erste muïetische Mittel ein. Die Pianistin betrat den Konzertsaal mit dem [Werk] „Ritus“ [v. HP Palmer] für 5 Pauken, in der Fassung für soundfile. Diese rein elektronisch erzeugte Musik wurde durch die gezielte Einsetzung des Lichts verstärkt. Dieser erste Eindruck lässt darauf schließen, dass dies kein normales Konzert werden wird. Durch die bewusste Handhabung der elektronischen Mittel Musik und Licht wird die Wirkung des musikalischen Gesamtkunstwerkes enorm verstärkt. Das Konzert ist aufgebaut auf der griechischen Tragödie der Klytämnestra. Ihre Geschichte wird in Form von eingespielten Dialogen nacherzählt. Heloise Ph. Palmer übernimmt dabei ihre Rolle. Sie ist durchweg versunken in ihrer eigenen Gefühlswelt. Soll sie sich nun gegen die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit auflehnen, ihren Zorn und ihre Wut herauslassen, oder soll sie sich doch eher schweigend zurücklehnen? Genau in dieser Unwissenheit über ihr eigenes Ego spielt und interpretiert sie ihre Stücke. Das Konzert hat starken Bezug auf heute und spricht jeden Menschen an. [...] Das Klavier allein langt ihr nicht. Sie verbindet schon im zweiten Stück „Orestes Stasimo“ (HP Palmer) den echten Klaviersound mit elektronischen Sounddateien. Fast unmöglich scheint es den Zuhörern zu unterscheiden, was echt ist und was nicht. Desweiteren nutzt sie nicht nur die Tasten des Klaviers, sondern setzt auch gezielt die Saiten dezent und speziell ein, so dass ein neuer Kontrast in der Klangfarbe entstehen kann. Der Zuhörer wird entführt in eine weitaus größere Resonanzwelt. [...] Impulsiv und wütend setzt Heloise Ph. Palmer in ihren Interpretationen viele Zielpunkte, verfeinert durch die Raffinesse der muïetischen Mittel. Den Allegrosatz von Schubert interpretiert sie in einer romantischen Art. Hierbei verzichtet sie auf elektronische Mittel und setzt variiert das Licht ein (verschiedene Farbtöne). Somit gewinnt der hier gespielte unvollendete Satz Schuberts noch mehr an Wirkung. [...] Muïesis ließ das Konzert wie eine Art lebendiger Film erscheinen.“ (L. Breuter-Widera, Trompete)

Musikstudenten sprechen über Muïesis - der Aspekt Gesamtkunstwerk als Mittel

Am 5. Mai 2014 fand für die Studenten der Hörerziehungsklassen an der Musikhochschule Stuttgart eine Aufführung des muïetischen Konzertprogramms THE RIGHTEOUS FATALE statt. Sie waren anschließend gebeten worden, ihre Eindrücke zu verschriftlichen. Nachfolgend eine Auswahl dieser:

Stichwort "Gesamtkunstwerk":

„Die Konzeption des Konzertes als Gesamtkunstwerk wird zunächst im Umgang mit dem Licht deutlich: Es beginnt in Dunkelheit und es endet in Dunkelheit. Weiterhin war auf dem Bildschirm der schemenhafte Umriss eines menschlichen Gesichtes erkennbar, das im Verlaufe des Programms immer deutlicher wurde. Dass das Konzert als eine große Klimax und anschließende Antiklimax aufgebaut ist, wird spätestens in dem Moment klar, als der Höhepunkt erreicht ist, als ein gellender, lang anhaltender Schrei des Todesschmerzes zu hören ist. An die Urzelle des Stücks „Ritus“ für 5 Pauken, welches am Anfang des Programmes steht, wird am Ende kurz wieder erinnert. Durch die genannten Elemente wird von Anfang bis Ende ein großer Bogen gespannt. Das Konzert endet versöhnlich. Die Rache – visuell symbolisiert durch ein Feuer – erlischt. Klanglich hören wir das durch ein lang gezogenes Arpeggio eines C-Dur Akkordes (angereichert durch Septim und Non) und verbal durch die Worte „Heilung ist Selbstverwirklichung“.
Zwischen den Stücken tut sich eine Vielzahl von wechselseitigen Bezügen auf, etwa wenn man den Aspekt der Vielstimmigkeit (Polyphonie) betrachet. So findet das textlich-polyphone
Kahlhiebe sein Pendant in Stephen Montagues Trio. Beide Male wird das Medium Raum verwendet und beide Male stellt sich dadurch der Eindruck ein, völlig umgeben, „gefangen“ zu sein in den Stimmen – hier, wo sich die Stimmen im Dialog befinden wie dort, wo das vom Klavier vorgegebene dreimal zeitlich und räumlich versetzt wiederholt wird. Auch der Hinweis auf die mögliche Erlösung/Heilung tritt in dem von Rache und Zorn durchzogenen Geschehen immer wieder in Erscheinung, so z.B. in Form der türkischen Zimbeln in Orestes Stasimo [v. HP Palmer], in den lyrischen, beruhigten Passagen in Chopins Marche funèbre, in Auferstehn [v. HP Palmer] und eulogy [v. John Palmer]." (N. Pfeffer, Gitarre)

„Das Gesamtkunstwerk, das selbstbewusst und souverän von der Künstlerin in der faszinierenden Form der muïetischen Aufführungspraxis verdeutlicht wurde, hat die Zuhörer gepackt und vom Anfang bis zum Schluss beeindruckt. Die Lyrik, die Kompositionen, das Licht, die Bilder und alle anderen multimedialen Mittel, die verwendet wurden, fügten sich zu einem Gesamtkunstwerk zusammen, in dem die Musik im Mittelpunkt stand.“ (G. Mariani, Violine)

„Ein muïetisches Konzert ist nicht als einfache Unterhaltung oder Entspannung gedacht, sondern fordert vom Zuhörer stets eine aktive Teilnahme und Selbstüberwindung. Dies wird u.a. so realisiert, dass die Zuhörer das Gefühl haben, sich mitten im Geschehen zu befinden. Das Licht fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf das Hauptgeschehen [...] und unterstützt dabei gleichzeitig unsere Assoziationen durch verschiedene Farben oder Helligkeitsstufen.“ (I. Penner, Harfe)